Kritischer Rahmen? So ja wohl kaum!

Am Samstag dem 08.12 wurde in der Pinneberger Drostei die Ausstellung A. Paul Webers, gegen die wir schon im Vorfeld protestierten, da Webers Vergangenheit in antisemitischen und nationalbolschewistischen Kreisen hier auf erschreckende Weise geschönt, verharmlost und ausgeblendet wird, eröffnet. Die VeranstalterInnen kündigten zwar an Weber kritisch auszustellen, doch konnte man sich bei der Vernissage davon überzeugen, wie wenig sie diesem Versprechen nachgegangen sind. So war es dem Kreispräsidenten Tiemann wesentlich wichtiger, darauf hinzuweisen, dass er enttäuscht davon sei, dass diesem Thema in der Presse so viel Aufmerksamkeit zukäme. Webers braune Vergangenheit sollte auf gar keinen Fall zu viel Raum eingeräumt werden. Auch die Kuratorin Fricke sprach gegenüber dem NDR nur davon, dass Weber „Auftraggeber oder Aufträge angenommen hat, zum Zwecke des Broterwerbs sicherlich [sic!], von denen man sich wünschen würde, er hätte sie vielleicht nicht angenommen“. Da die VeranstalterInnen weiterhin, konsequent leugnen, dass Weber selber Teil der extremen Rechten zur Zeit der Weimarer Republik und während des 2. Weltkrieges war, ist es unerlässlich, genauer auf Webers Schaffen zu dieser Zeit einzugehen, was keineswegs durch „Broterwerb“ erklärbar ist.

Als erstes sei hier das Werbeplakat, welches er 1918 für Artur Dinters antisemitischen Roman „Die Sünde wider das Blut“ entwarf, genannt. Das Plakat zeigt eine eulenartige Kreatur welche einen Jüngling zu Boden reißt. Die Physiognomie der Kreatur ist typisch für die antisemitische Darstellung von Juden zu dieser Zeit. Der Verlag, in dem Dinter, der im Übrigen 1933 Gauleiter in Thüringen wurde, veröffentlichte, war auch nicht irgendeiner, sondern der völkische Matthes und Thost Verlag. Besonders mit Erich Mathes der in seiner Kriegseuphorie ab 1914 die „Kriegsflugblätter“ herausgab, verband Weber eine innige Freundschaft. Weber arbeitete lange für den Matthes und Thost Verlag. So illustrierte er auch die Arbeiten des germanophilen Autors Hjalmar Kutzleb, der in seinem von Weber bebilderten Buch „ Der Zeitgenosse mit den Augen eines alten Wandervogels gesehen“ die Juden als verantwortlich für Pornographie ausmacht und Demokraten, Kommunisten und Reformern vorwirft, die vernünftige Ordnung (gemeint ist der Feudalismus) zerschlagen zu haben. In Webers Bildern werden diese Feindbilder etwa als hakennäsiges Reptil oder in Form des Juden, der dem stolzen Soldaten in den Rücken fällt (Dolchstoßlegende), dargestellt. Es überrascht kaum, dass Kutzlebs Werk von den Nazis sehr geschätzt wurde.

Webers Arbeiten brachten ihm Kontakte zum antisemitischen und frauenfeindlichen Deutschnationalen Handlungsgehilfenverband (DHV) ein. Über diesen schrieben die Weber-Biografen Helmut Schumacher und Klaus J. Dorsch: „Kontakte [vom DHV] bestanden aber, wie auch beim „Widerstandskreis“ um Ernst Niekisch und Weber, zum sozial-revolutionären Strasser-Flügel innerhalb der NSDAP.“ (1) Für die Monatszeitschrift der „Fahrenden Gesellen“, die aus der Jugendabteilung der DHV hervorgegangen sind, fertigte Weber in den 20er Jahren verschiede Titelblätter an. Mitglieder der „Fahrenden Gesellen“ nahmen an der „Schwarzen Reichswehr“ teil. Diese war eine illegale Armee um Bruno Ernst Buchrucker, die 1923 zu putschen versuchte (Küstriner Putsch).

Doch nicht nur im DHV hatte Weber mit Putschisten zu tun. So illustrierte er 1928 auch Manfred von Killingers Buch „Ernstes und Heiteres aus dem Putschleben“. Dieser nahm 1920 an dem Kapp-Putsch teil und war nach dessen Scheitern Mitglied der Organisation Consul. Die Organisation Consul ist vor allem für die Ermordung des ehemaligen Reichsfinanzminister Matthias Erzberger im Jahre 1921 und der Ermordung des Reichsaußenminister Walther Rathenau 1924, weil dieser Jude war, bekannt geworden. Nach dem Verbot der Organisation Consul wurde von Killinger Mitglied der Nachfolgeorganisation Bund Wiking und ging nach dessen Verbot in die NSDAP.

Weber stand auch den Artamanen nahe. Die Artamanen waren eine radikale völkische Jugendbewegung, die den „Blut und Boden“-Begriff der Nazis prägten. Sie propagierten ein völkisches Weltbild und die Abkehr von der Großstadt, weshalb sie auf dem Rittergut Limbach in Sachsen eine eigene Siedlung gründeten. Zu ihren Mitgliedern gehörten Walther Darré, später Hitlers Agrarberater, Rudolf Höß, der von 1940-43 Auschwitz-Kommandant war, und der Reichsführer der SS Heinrich Himmler. Zu den prominenten Rednern auf Artamanen-Veranstaltungen gehörten Ernst Niekisch und NS-Chefideologe Alfred Rosenberg. Webers Kontakt zu den Artamanen kam über August Georg Kenstler zustande, Herausgeber der Zeitschrift „Blut und Boden, Monatsschrift für wurzelstarkes Bauerntum, deutsche Wesensart und nationale Freiheit“, für die neben den bereits genannten Niekisch auch Ernst Jünger schrieb. Weber fertigte für diese Zeitung einen neuen Umschlagentwurf an und veröffentlichte einige seiner Werke in ihr.

Ab 1930 wurde Weber Mitherausgeber der Zeitschrift „Widerstand. Zeitschrift für nationalrevolutionäre Politik“ von dem bereits erwähnten Nationalbolschewisten Ernst Niekisch. Die Ideologie Niekischs wird von Politikwissenschaftler Michael Pittwald wie folgt beschrieben: „Niekischs nationalrevolutionäre Konzeption einer ‘nationalen Wiedergeburt Deutschlands’ gehört zu den zahlreichen in der Weimarer Republik unternommenen Versuchen, eine Synthese zwischen den beiden im 19. Jh. aufeinandertreffenden und wirkungsmächtigen politischen Ideen des Nationalismus und des Sozialismus herzustellen.“(3) Das hierzu auch Antisemitismus gehört, lässt sich durch folgendes Zitat aus dem 3. Heft des „Widerstands“ belegen: „Der Jude will verbergen, was jeder Blick auf ihn bestätigt: daß er ein Mensch anderer, fremder Rasse ist; er will den Eindruck seiner Sechsernase, seiner seltsam wunderlichen Bewegung verwischen, indem er immer wieder keck und unverfroren betont, solche Gegebenheiten und Sichtbarkeiten seien ohne Beweiskraft. Nur durch den religiösen Glauben, nicht durch seine Leiblichkeit und sein Geblüt, unterscheide er sich von germanischen Menschen.“(2) Zu den Autoren gehören neben den bereits erwähnten Hjalmar Kutzleb und Ernst Jünger auch dessen jüngerer Bruder Friedrich Georg sowie Ernst von Salomon, ehemaliges Mitglied der Organisation Consul.

Auch im Jahre 1930 erschien das Buch „Literatenwäsche“ des nationalistischen Schriftsteller Wilhelm Stapels im Widerstandsverlag. Dieses Buch wurde von Weber mit antisemitischen Karikaturen wie z. B. einer Zeichnung Kurt Tucholskys als Laus illustriert. Stapel selber war auch als Antisemit bekannt und hielt unter anderem eine Rede über „Die literarische Vorherrschaft der Juden in Deutschland 1918-1933“ bei den „wissenschaftlichen Arbeitstagen“ der „Forschungsabteilung Judenfrage des Reichsinstituts für Geschichte des neuen Deutschlands“. Im Übrigen schätzte Stapel die Arbeiten Webers, weshalb er in den Blättern des Widerstandsverlages mit den Worten zitiert wird: „Es darf unterstrichen werden, daß der Nationalismus der jungen Generation sich durch A. Paul Weber auch der karikaturistischen Waffe bemächtigt hat und daß die Anfänge stark, rücksichtslos und wohlgeschult sind.“(2)

Die Werke Webers, welche am meisten zu der Legende, Weber sei ein Antifaschist, beigetragen hat, sind jene Bilder, mit denen er Niekischs Schrift „Hitler – ein deutsches Verhängnis“ illustrierte. Besonders bekannt unter diesen ist das Bild „Das Verhängnis“, auf dem zu sehen ist, wie ein Zug mit Hakenkreuzfahnen in einen riesigen Sarg steigt. Auf den ersten Blick handelt es sich hierbei um ein antifaschistisches Bild, ganz anders sieht es jedoch aus, wenn man Niekischs Text dazu liest, wo es heißt: „Er [Hitler] läßt erkennen, was im Volke vorgeht, er geht indes dem Volk nicht voran. […] Der Nationalsozialismus gliedert sich dem herrschenden außen- und innenpolitischen System ein; er entsagte dem Ehrgeiz, es zu zertrümmern. […] Die nationalsozialistische Jugend wurde zum leidenden Helden einer der erschütterndsten deutschen Tragödien. Sie wollte kämpfen, sterben und siegen. Jetzt aber soll sie bloße Wahlgefechte schlagen und abstimmen. […]“. Und noch deutlicher: „er [Hitler] versäumte den Zahltag […]; alle verstörten Demokraten erwarteten damals, daß er noch in der Nacht marschieren werde, […] er marschierte nicht, sondern watete in den Sumpf des Parlamentarismus“(2) Kritisiert wird an Hitler also, dass dieser zu bürgerlich sei, dass er kein Führer sei und dass er nicht geputscht habe, aber sicherlich nicht, dass er Faschist war.
Tatsächlich wurden Weber sowie rund 70 weitere Leute aus dem Widerstandskreis 1937 verhaftet, seine Haft dauerte allerdings nur sechs Monate und er wird ohne Gerichtsverhandlung freigelassen. Harald Isermeyer schrieb er in diesem Zusammenhang: „Man hat mich im Vergleich zu anderen Gefangenen gut behandelt. Das leitet sich daraus ab, daß ich vor dem Krieg einige Bekannte und Verehrer habe, die ich nun wiedertraf, z. B. als SS-Angehörige.“ (2)

Während des Krieges fertigte er sowohl Propagandabilder gegen Briten als auch gegen die Sowjetunion an. So erscheint „Das Leichentuch“ 1942 in der Zeitschrift „Das Reich“, zu Wilhelm Sprenglers Artikel „Volksdeutsche Schicksale“. Später (1943) erscheint dasselbe Bild im „Illustrierten Beobachter“, der Bilderbeilage des „Völkischen Beobachters“, mit der Bildunterschrift: „Wie das alttestamentarische Ungeheuer Leviathan sucht der jüdische Bolschewismus die Welt zu verschlingen. Der Meister des Zeichenstiftes A. Paul Weber entrollt in grandioser Vision Bilder des Chaos, das nur durch die geballte Kraft Europas abgewandt werden kann.“(2)
Webers Kriegspropaganda gegen England sind bekannt als die „Britischen Bilder“, erschienen jedoch unter den Titel „England, der Totengräber der kleinen Nationen – Ein Künstler entlarvt Englands Verbrechen“. Weber kritisierte hier Englands Kolonialismus aus einer völkischen Perspektive mit antisemitischen Bildern, wie z. B. einem hakennäsigen Börsenmakler. Diese Bilder waren immerhin so antisemitisch, dass sie von Alfred Rosenberg in seiner Publikation über sieben Seiten kommentiert und von der HJ zur Ausbildung des Führernachwuchses genutzt wurden.

Auch Webers wohl bekanntestes Blatt, „Das Gerücht“, erschien bereits 1943 im gleichgeschalteten Simplicissimus. Über seine Bedeutung äußerte sich die Zeitzeugin Eva Sternheim-Peters dahingehend, dass 1943 Wahrheit nur in Form von Gerüchten verbreitet werden konnte. So waren z. B. Gerüchte über den militärischen Rückschlag in Stalingrad für AntifaschistInnen Hoffnungsschimmer. Wenn Weber also das Gerücht diskreditiert – mit einer antisemitisch anmutenden Physiognomie –, dann soll damit vielleicht auch diese Hoffnung zerstört werden. Daher muss man sich auch bei diesem Werk, welches auf dem Werbeplakat der Pinneberger Ausstellung zu sehen ist, die Frage stellen, ob es nicht auch Teil der Nazipropaganda ist.

Von diesen Fakten erfahren die BesucherInnen der Pinneberger Ausstellung nichts. Ganz im Gegenteil, es werden sogar falsche Vorstellungen erzeugt. So wird das eben erwähnte Blatt „Das Gerücht“ fälschlicherweise nur auf 1953 datiert. Auch wenn es sich hierbei eventuell um eine überarbeitete Version handelt, hätte auch das Ersterscheinungsdatum genannt werden müssen, da nur so eine Deutung im historischen Kontext möglich ist, wie die bereits angeführte von Eva Sternheim-Peters. Direkt widerwärtig ist es hingegen, dass die um Niekischs Schrift „Hitler – ein deutsches Verhängnis“ erschienen Bilder (s. o.) vollkommen unkommentiert und ohne Hinweis auf den Inhalt der Schrift ausgestellt werden. Webers wird hier also vollkommen verklärt und es wird gar der Eindruck erweckt, es handle sich bei ihm um einen Antifaschisten. Wenn ein Künstler wie Weber ausgestellt wird, muss es für die BesucherInnen klar sichtbar gemacht werden. um wen es sich hier handelt. Hier an Informationen zu sparen hieße die Geschichte des Nationalsozialismus zu verdrängen.

Wie reagierten die Verantwortlichen bisher auf die Kritik an ihrer Veranstaltung? Von Tiemann und Fricke waren bisher nur Abwehrreaktionen zu vernehmen. So machte Herr Tiemann dem Pinneberger Tageblatt gegenüber deutlich, dass Kritik nicht erwünscht ist, wenn er sagt: „Es ist schade, wenn sich jemand so zu Wort meldet, der nur 20 Prozent des nötigen Wissens zu diesem Thema hat.“ Auch der Hinweis Frau Frickes, jeder müsse sich selbst ein Bild von Weber machen, ist schlicht lächerlich, da es ganz offensichtlich versäumt wurde, die dafür notwendigen Informationen zugänglich zu machen.
Die VeranstalterInnen haben die Problematik um A. Paul Weber offensichtlich immer noch nicht verstanden, weder in Pinneberg noch in Elmshorn oder in Barmstedt. Wir fordern immer noch das Aussetzen der Veranstaltungsreihe. Dieser Rahmen ist alles, nur nicht kritisch.

Quellen: 
(1) Helmut Schumacher/ Klaus J. Dorsch (2003); A. Paul Weber: Leben und Werk in Texten und Bildern; Mittler & Sohn Verlag. Dieses Zitat ist auf der website des A. Paul Weber Museums nachzulesen; http://www.weber-museum.de/bio_dor_schu.html
(2) Zitiert nach Thomas Dörr (2000) „Mühsam und so weiter, was waren das für Namen …“. Zeitgeist und Zynismus im nationalistisch-antisemitischen Werk des Graphikers A. Paul Weber; Schriften der Erich Mühsam Gesellschaft; Heft 18
(3) Zitiert nach Schumacher/ Dorsch (2003)